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Realschule Elsenfeld verbindet Europa, Zukunft und Verantwortung

Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Welche Chancen bietet Künstliche Intelligenz – und was macht jungen Menschen angesichts des rasanten Wandels Mut? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Realschule Elsenfeld in internationalen eTwinning-Projekten. Im Austausch mit Partnerschulen in Europa entstehen dabei nicht nur innovative Unterrichtsideen, sondern auch echte Freundschaften.

eTwinning ist Teil des EU-Programms Erasmus+ und ermöglicht Schulen, digital und grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten. Die Realschule Elsenfeld nutzt diese Plattform seit mehreren Jahren, um Unterricht mit internationaler Begegnung, digitalem Lernen und gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.

Berufe der Zukunft im Blick

Den Auftakt bildete das Projekt „NextGen Careers“, das im Oktober 2023 während einer eTwinning-Fortbildung in Regensburg entstand. Dort entwickelten Cordula Hunze-Lee von der Realschule Elsenfeld und der tschechische Lehrer Michal Prokopec gemeinsam die Idee, Jugendliche aus Deutschland und Tschechien über die Arbeitswelt der Zukunft ins Gespräch zu bringen.

Die Schülerinnen und Schüler tauschten sich zunächst online über ihre Wunschberufe aus und diskutierten, wie Künstliche Intelligenz und erneuerbare Energien Berufsbilder verändern könnten. Kommunikation und Projektarbeit fanden vollständig auf Englisch statt. Dabei ging es nicht nur um Softwareentwicklung, digitales Marketing, Gaming oder Datenanalyse, sondern auch um die Frage, welche traditionellen Berufe weiterhin attraktiv bleiben und welche Tätigkeiten sich grundlegend wandeln werden.

Besonders praxisnah wurde das Projekt bei den simulierten Bewerbungsgesprächen. Die deutschen Jugendlichen verfassten englische Bewerbungen, die anonymisiert nach Prag geschickt wurden. Dort übernahmen die tschechischen Schülerinnen und Schüler die Rolle des Personalmanagements und entschieden, welche Bewerberinnen und Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden sollten.

Dabei beschäftigten sie sich auch mit einer aktuellen ethischen Frage: Wie ist eine Bewerbung zu bewerten, wenn sie mithilfe von ChatGPT oder anderen KI-Anwendungen nahezu fehlerfrei formuliert wurde? Ist ein fehlerhafter, aber selbstständig verfasster Text möglicherweise höher einzuschätzen als eine perfekte, von einer KI unterstützte Bewerbung?

Im Juni 2024 reisten acht Jugendliche der Klasse 9c nach Prag. In gemischten deutsch-tschechischen Gruppen entwickelten sie Ideen für Berufe, die es in 25 Jahren geben könnte, erstellten Plakate und führten Bewerbungsgespräche als Rollenspiele durch. Neben der gemeinsamen Unterrichtsarbeit standen ein Stadtrundgang, ein Picknick, ein Fußballspiel und eine Schulveranstaltung mit Theater und Musik auf dem Programm. Die Elsenfelder Schülerinnen und Schüler unterstützten außerdem Lernende der Prager Schule beim Deutschlernen.

Für seine Qualität wurde „NextGen Careers“ im August 2024 mit dem National Quality Label und dem Pupil Quality Label ausgezeichnet.

Zwischen Zukunftsängsten und neuen Möglichkeiten

Aus der erfolgreichen Zusammenarbeit entwickelte sich das aktuelle Projekt „Zwischen Angst und Aufbruch“. Es richtet sich an deutsche und tschechische Jugendliche und greift ein Thema auf, das viele junge Menschen beschäftigt: die Unsicherheit gegenüber der eigenen Zukunft.

Ausgangspunkt sind Texte von Franz Kafka und Johann Wolfgang von Goethe. Während Kafkas „Die Verwandlung“ Gefühle von Überforderung, Fremdbestimmung und Rückzug sichtbar macht, stehen bei Goethe Zuversicht, Neugier und Lebensfreude im Mittelpunkt. In internationalen Lerngruppen setzen sich die Jugendlichen mit ihren eigenen Sorgen und Hoffnungen auseinander. Sie vergleichen schulische und gesellschaftliche Erwartungen in beiden Ländern und entwickeln kreative Beiträge – darunter Tagebucheinträge, Dialoge, Comics und kurze Videoclips.

Im März 2026 reisten 15 Schülerinnen und Schüler der 8. und 9. Klassen nach Prag. Unter dem Motto „Auf den Spuren Kafkas“ erkundeten sie wichtige Lebensstationen des Schriftstellers, besuchten die Prager Burg und die Karlsbrücke und bestaunten den rotierenden Kafka-Kopf des Künstlers David Černý.

In der Partnerschule arbeiteten deutsche und tschechische Jugendliche gemeinsam an Gedichten und kreativen Projekten. Sie verglichen Kafkas Lebenswelt mit ihrer eigenen und stellten fest, dass Themen wie Identität und Fremdbestimmung auch heute noch aktuell sind. Selbstgestaltete „Kafka-Köpfe“ erinnern an die gemeinsame Woche. Aus den Begegnungen entstanden Freundschaften – der Abschied fiel vielen Jugendlichen sichtlich schwer.

Der Gegenbesuch in Elsenfeld fand im Juni statt. 18 Prager Schülerinnen und Schüler verbrachten gemeinsam mit ihren Gastgeberinnen und Gastgebern eine Woche in Deutschland. Ein Goethe-Workshop, eine zweisprachige Schulhausführung, ein Besuch in Frankfurt sowie Ausflüge nach Miltenberg, zum Kloster Engelberg und nach Würzburg verbanden Literatur, Geschichte und regionale Kultur.

Höhepunkt des Workshops war die kreative Auseinandersetzung mit Goethes Gedicht „Willkommen und Abschied“. Die Jugendlichen interpretierten das Gedicht und setzten ihre Eindrücke in Bildern um. Zum Abschluss wurde ein schulinterner Goethe-Preis verliehen. Am Eisernen Steg in Frankfurt besiegelten die Jugendlichen ihre Freundschaft symbolisch mit einem Schloss.

Nachhaltigkeit kennt keine Grenzen

Unter dem Leitgedanken „Travel with a Cause“ verbindet die Realschule Elsenfeld internationale Zusammenarbeit mit Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Engagement. Als Mitglied des Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ setzt sich die Schulfamilie zudem aktiv für Toleranz und Gleichheit ein.

Das Projekt „Chip The Cookie“ macht dieses Engagement sichtbar. Schülerinnen und Schüler backen und verkaufen Kekse gegen Rassismus. Die Tüten werden kreativ gestaltet, der Erlös fließt in Projekte für Gleichheit, Akzeptanz und Toleranz. Auch Prominente haben bereits Tüten gestaltet und signiert.

Im Projekt „Feuer & Flamme“ lernen die Jugendlichen Nachhaltigkeit ganz praktisch kennen, etwa beim Upcycling von Milchverpackungen. Internationale Partner gibt es unter anderem in Zypern und Jamaika. Im Dezember 2025 überreichten Lehrkräfte der Realschule der jamaikanischen Botschafterin Laura McNeill einen Spendencheck für die Opfer von Hurrikanen.

Aus diesen Aktivitäten entstand gemeinsam mit der Technical School Avgorou auf Zypern das eTwinning-Projekt „Be(e) Amazing“. Die Biene steht dabei symbolisch für Kooperation, Gemeinschaft und Verantwortung. Jede teilnehmende Klasse gestaltet eine eigene digitale Wabenzelle mit Ideen, kulturellen Beiträgen und Projekten zum Thema Nachhaltigkeit. Zusammengesetzt entsteht ein internationaler digitaler Bienenstock – ein Zeichen für Vielfalt, Frieden und gemeinsames Handeln.

Neben Deutschland und Zypern beteiligen sich auch Jugendliche aus Ländern wie den USA, Australien und Jamaika. Das Projekt fördert Kreativität, Inklusion, Teamarbeit und Umweltbewusstsein.

Auszeichnung als eTwinning-Schule

Die vielfältigen Aktivitäten wurden im Juli 2026 besonders gewürdigt: Die Staatliche Realschule Elsenfeld erhielt als eine von nur zwei bayerischen Schulen das eTwinning-Schulsiegel. Insgesamt wurden in Deutschland 22 Schulen aus elf Bundesländern ausgezeichnet.

Das Siegel erhalten Schulen, die europäische Zusammenarbeit, digitale Kompetenzen, inklusive Lernformen und innovative Schulentwicklung fest in ihrem Schulkonzept verankern. eTwinning-Schulen verstehen Schülerinnen und Schüler als aktive Gestalterinnen und Gestalter des Lernens und fördern zugleich die kontinuierliche Weiterbildung ihrer Lehrkräfte.

Von September 2026 bis September 2027 nimmt die Realschule Elsenfeld außerdem am eTwinning Schools Mentoring Scheme teil. Dabei tauschen erfahrene und weniger erfahrene eTwinning-Schulen ihre Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsame Aktionspläne.

Auch auf europäischer Ebene ist die Schule vertreten: Cordula Hunze-Lee wurde als eine von vier deutschen Lehrkräften zur eTwinning-Jahreskonferenz vom 5. bis 7. November 2026 nach Zagreb eingeladen. Im Mittelpunkt der Konferenz steht das Thema „Future-ready eTwinning Schools“ – also die Frage, wie Schulen junge Menschen auf Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Klimawandel und gesellschaftliche Veränderungen vorbereiten können.

Die Realschule Elsenfeld zeigt dabei, dass internationale Projekte weit mehr sind als einzelne Reisen oder digitale Treffen. Aus Unterrichtsideen sind langfristige Partnerschaften, neue Lernformen und persönliche Verbindungen entstanden. Das Motto „Travel with a Cause“ bringt den Anspruch auf den Punkt: Begegnungen sollen nicht Selbstzweck sein, sondern aus Fremden Freunde, aus Projekten Partnerschaften und aus Jugendlichen verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger Europas machen.

Text: Cordula Hunze-Lee, Staatliche Realschule Elsenfeld / MB-Dienststelle

Redaktion: BRN (SN)





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