Ausbildungsplan für das Lehramt an Realschulen

2. Allgemeine Ausbildung

2.2 Pädagogik

Vorbemerkung

Die Studienreferendare werden im Rahmen des Pädagogikseminars darin unterstützt und gefördert, die für den Beruf der Realschullehrkraft erforderlichen Kompetenzen aufzubauen. Dabei stehen die in der ZALR § 15 Abs. 2 S. 1 formulierten inhaltlichen Schwerpunkte im Vordergrund:

 

Erziehen und bilden

Lehren und lernen

Fördern und beraten

Schule gestalten und entwickeln

 

Diese Bereiche erfordern die Entwicklung von Sachkompetenz, sozialer Kompetenz, Beratungs- und Handlungskompetenz sowie Selbstkompetenz, wobei diese Kompetenzen nicht voneinander trennbar sind, sich vielmehr wechselseitig durchdringen. Selbst beste Sachkompetenz führt nicht zur Steigerung der schulischen Leistung, wenn die Lehrer-Schüler-Beziehung die Wertschätzung vermissen lässt. Dass es in erster Linie auf die Qualität der Lehrerarbeit ankommt, ist in der Pädagogik nicht erst seit den Erkenntnissen von John Hattie („Visible Learning“) bekannt. Lehrkräfte sind der wichtigste Einflussfaktor für die Schülerinnen und Schüler, der gesellschaftlich beeinflusst werden kann. Hatties zentrale Botschaft ist der Hinweis, dass mit den Kompetenzen und dem Engagement der Lehrkraft letztlich gute Bildungs- und Erziehungsarbeit steht und fällt. Die Bedeutung und Inhalte dieser fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen Studienreferendare im Fach Pädagogik kennenlernen, erfahren und professionell umsetzen können.

Die Ausbildung in Pädagogik knüpft an die im wissenschaftlichen Studium erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten an. Vor diesem Hintergrund geht es nun um zuverlässige Bereitstellung von Handlungskompetenzen. Die Seminararbeit in Pädagogik wird daher in enger Anlehnung an die tägliche unterrichtliche Erfahrung der Studienreferendare gestaltet. Die Studienreferendarinnen und Studienreferendare werden darin unterstützt, eine der eigenen Persönlichkeit entsprechende Ausprägung der Rolle als Lehrkraft aufzubauen und zu stabilisieren. Dabei ist das Verhalten der Seminarlehrkraft im Sinne des Lernens am Modell von Bedeutung.

In Pädagogik liegt ein Schwerpunkt im Bereich der Erziehung, die sich im Fachunterricht sowie in allen Bereichen des Schullebens vollzieht.

Kompetenzen

Sachkompetenz

Die im erziehungswissenschaftlichen Studium erworbenen Kenntnisse werden nun in der konkreten Unterrichtssituation angewendet. Anhand eigener Erfahrung Erfahrungen aus Lehrversuchen sowie durch Beobachtung von Unterricht bauen die Studienreferendarinnen und Studienreferendare sukzessive Kompetenzen in der Planung und Gestaltung von Unterricht auf und aus. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist die Verschränkung von fachspezifischer und allgemeiner Ausbildung. 

Ein besonderes Augenmerk in der Ausbildung in Pädagogik liegt naturgemäß auf der fächerübergreifenden Zusammenarbeit, wie sie im Lehrplan verbindlich vorgesehen ist, sowie auf den fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Die Studienreferendarinnen und Studienreferendare erwerben die Fähigkeit, über die eigenen Fächer hinaus den besonderen Bildungsanspruch der Realschule im Blick zu behalten. So sind im Rahmen des Pädagogikseminars auch allgemeine Aspekte der Fachdidaktik der jeweiligen Fächer präsent. Videoaufzeichnungen von Unterrichtsstunden (unter Beachtung einschlägiger Regeln), eigene Lehrversuche und Unterrichtsbesuche der Seminarlehrkraft für Pädagogik sind daher unerlässlich. 

Die Studienreferendare werden dazu angeregt und darin unterstützt,

  • die Realschule als sich ständig verändernde und entwickelnde Organisation im Kontext des bayerischen Schulsystems zu begreifen,  
  • sich die in der Bayerischen Verfassung sowie im Erziehungs- und Unterrichtsgesetz formulierten Bildungs- und Erziehungsziele anzueignen und umzusetzen,
  • sich neue Unterrichtsformen anzueignen sowie den Unterricht mit sinnvollen und altersgemäßen Aktions- und Sozialformen zu gestalten,
  • den Schülern ihrem Alter gemäß Techniken und Abläufe des Lernens bewusst zu machen und ihnen Möglichkeiten zu vermitteln, das Lernen zu lernen,
  • die Schüler zu Leistungsbereitschaft zu erziehen,
  • transparent und gerecht Leistung zu bewerten,
  • den pädagogischen Freiraum und außerunterrichtliche Aktivitäten im Rahmen des Schullebens für Erziehungsarbeit sinnvoll zu nutzen,
  • altersspezifisches Schülerverhalten richtig einschätzen und angemessen reagieren zu können,
  • die Schüler an soziales Handeln heranzuführen,
  • die Ursachen für Disziplinkonflikte zu kennen, über Möglichkeiten der Vermeidung oder Deeskalation zu verfügen,
  • Medienerziehung kreativ und handlungsorientiert zu leisten z. B. im Rahmen der Herstellung eigener medialer Produkte (Hörspiel, Beitrag zur Schülerzeitung und Schul-Homepage, Videofilm usw.),
  • die Schüler zu angemessenem Gebrauch und kritischer Bewertung von Medien zu befähigen sowie
  • Schüler zu sinnvoller Freizeitgestaltung anzuleiten.

Soziale Kompetenz

Die Referendare erfahren, dass Erziehung und Unterricht wesentlich auf vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern beruht. Dies setzt Annahme und Wertschätzung der Schülerinnen und Schüler voraus. Weiter sind die sozialen Beziehungen aller am Schulleben beteiligten Personen als Modell für die Jugendlichen wichtig. Sie tragen wesentlich zu Schulklima und Schulqualität bei.

Die Studienreferendare werden dazu angeregt und darin unterstützt,

  • den Erziehungsauftrag der Realschule wahrzunehmen,
  • sich eigenen Schwächen selbstkritisch zu stellen und sensibel auf die Schwächen anderer zu reagieren,
  • Schule als Lebensraum für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte zu gestalten,
  • eine lernförderliche Sozialstruktur in der Klasse zu entwickeln und eine Klasse verantwortlich zu leiten,
  • die einzelne Schülerin bzw. den einzelnen Schüler in der Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit zu unterstützen,
  • Regelverstöße angemessen und gerecht zu sanktionieren,
  • auf geschlechtsspezifische Probleme auch im Rahmen von koedukativem Unterricht angemessen einzugehen und zu reagieren,
  • die besondere Situation von Schülerinnen und Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache bzw. Migrationshintergrund zu kennen und damit umgehen zu können, 
  • Inklusion als Ziel der Schulentwicklung zu verstehen und vielfältige pädagogische Möglichkeiten im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigung oder Behinderung und Formen des Nachteilsausgleichs kennen und anwenden zu lernen,
  • mit pädagogisch sinnvollen Konzepten auf verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler zu reagieren,
  • sich in die Gestaltung von Schulleben und Schulentwicklung aktiv einzubringen,
  • mit Schülern, Eltern, Kollegen sowie der Schulleitung an der Entwicklung einer gemeinsam getragenen Schulkultur zu arbeiten.

Beratungs- und Handlungskompetenz

Die vielfältigen Schnittstellen der Realschule zu anderen Bildungsgängen sowie zu Ausbildungsberufen stellen an die individuelle Förderung und Beratung von Schülerinnen und Schülern besondere Anforderungen.

Die Studienreferendare werden dazu angeregt und darin unterstützt,

  • Schülerinnen und Schüler differenziert wahrzunehmen und ihre Entwicklungsprozesse beschreiben zu können,
  • pädagogisches Feingefühl zu entwickeln,
  • Schülerinnen und Schüler über ihren Lernfortschritt zu informieren, sie auf Begabungen hinzuweisen und sie bei Entscheidungen über die Schullaufbahn zu beraten,
  • Schülerinnen und Schüler und Eltern bei lern- und entwicklungsspezifischen Problemen zu beraten, 
  • Die Profile anderer Schularten sowie die Durchlässigkeit des bayerischen Bildungswesens zu kennen und darauf aufbauend angemessene Entscheidungshilfen zu erarbeiten, 
  • andere Schulformen in ihren Konzepten zu kennen und beratend tätig zu werden,
  • bei Lern- und Verhaltensstörungen Förder- und Integrationsmaßnahmen im Rahmen der Realschule zu kennen und einzusetzen,
  • Schüler und Eltern bei der Gestaltung des häuslichen Arbeitsumfelds zu beraten,
  • bei außerunterrichtlichen Aktivitäten, bei Projekten sowie im Gestaltungsrahmen von Schule als Lebens- und Erfahrungsraum den Teamgedanken umzusetzen,
  • Grenzen der eigenen Beratungskompetenz zu erkennen und Wege professioneller Hilfen aufzuzeigen. 

Selbstkompetenz

Die Studienreferendare werden unter Gewährung der gebotenen Unterstützung darin gefordert, ihre Kompetenzen in Bezug auf Teamfähigkeit, vernetztes Denken, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft, kulturelle und interkulturelle Erziehung, ethisches Urteilen und Handeln, Mitverantwortung und Mitgestaltung der demokratischen Gesellschaft, Selbstständigkeit und Eigeninitiative auszubauen, um im Agieren in und mit der Schulgemeinschaft Souveränität, Sicherheit und Freude an der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Die Studienreferendare werden dazu angeregt und darin unterstützt,

  • Autorität, Ich-Stärke und Sicherheit zu entwickeln und auszustrahlen,
  • kontinuierlich die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln,
  • im Kontakt mit Kollegen den Austausch über das eigene Wirken zu suchen und zu reflektieren,
  • sich mit Hilfe von Möglichkeiten der Selbstevaluation über eigene Stärken und Schwächen bewusst zu werden und an der eigenen Weiterentwicklung zu arbeiten,
  • den beruflichen Anforderungen mit Blick auf andere Lebensbereiche den gebotenen Stellenwert einzuräumen, 
  • einen adäquaten Erziehungsstil zu entwickeln, auch mit Niederlagen konstruktiv umgehen zu können,
  • Hilfen (z. B. Supervision oder kollegiales Coaching) bei krisenhafter Entwicklung oder bei Überbeanspruchung in Anspruch zu nehmen,
  • im Kreise des Kollegiums und gegenüber der Schulleitung eine Form des offenen Austauschs zu pflegen und so dem Teamgedanken vor isolierter Aktion den Vorzug zu geben.

Konkrete Inhalte der Ausbildung

Aus den oben beschriebenen Kompetenzen und Themenbereichen ergeben sich die Kernthemen für die Seminararbeit in Pädagogik, wobei diese der steten Reflexion und Aktualisierung bedürfen sowie im Hinblick auf Intensität und Reihenfolge an die jeweiligen Bedürfnisse im Seminar anzupassen sind. Die Studienreferendare werden dazu angeregt und darin unterstützt, Kompetenzen zu folgenden Teilbereichen der Pädagogik zu erwerben, zu vertiefen und reflektiert anzuwenden:

  • Profil der Realschule     
    • Stellung der Realschule im bayerischen Bildungssystem  
    • LehrplanPLUS
  • Lehrkraft an der Realschule
    • Erziehungsstile
    • Aufgabenfelder
    • Belastungen und Umgang damit
  • Unterrichtsprinzipien
    • Fundierende und regulierende Unterrichtsgrundsätze
    • Merkmale guten Unterrichts
  • Unterricht
    • Ziel- und Inhaltsformulierungen
    • Unterrichtsformen
    • Unterrichtstechniken
    • Nachbereitung des Unterrichts
    • Projektpräsentation
  • Aktuelle Unterrichtskonzeptionen
    • Lernwirksames Unterrichten (Hattie-Studie)
    • Kompetenzorientierung
    • Reformpädagogische Ansätze
    • Offener Unterricht
    • Lernen durch Lehren
    • Spielerische Formen
    • Lernumgebung
    • Lernen lernen
    • Lernprozesse mit Hilfe digitaler Werkzeuge gestalten
    • KOMPASS
  • Maßnahmen zur Erfolgssicherung
    • Ergebnis- und Erfolgssicherung
    • Hausaufgaben
  • Leistung
    • Leistungsbegriff
    • Bedingungsfaktoren der Schülerleistung
    • Funktion der Leistungsmessung
    • Gestaltung von Leistungserhebungen
    • Lernschwierigkeiten, -störungen
    • Schul- und Prüfungsangst
  • Erziehung als Aufgabe
    • Erziehen durch Unterricht
    • Elternarbeit
    • Erziehungs-, Ordnungs- und Sicherheitsmaßnahmen
    • Autorität und Disziplin
    • Umgang mit Konflikten
    • Classroom Management / Klassenführung
    • Klassenrat, Streitschlichter
    • Kollegiale Fallberatung
  • Pädagogische Herausforderungen
    • Gesellschaft im Wandel
    • Schlüsselqualifikationen
    • Werteerziehung
    • Gewalt / Mobbing
    • Kinder mit Migrationshintergrund
    • Gender in der Schule
    • Inklusion
  • Medien
    • Mediendidaktik
    • Medienerziehung
    • Rolle und Gefahren digitaler Medien
    • Urheberrecht
  • Qualitätssicherung
    • Schulentwicklung
    • Evaluation
    • Außerunterrichtliche Aktivitäten
    • Offene und gebundene Ganztagesschule



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