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Hochkarätige Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu Gast an der Dreiflüsse-Realschule Passau

Schüler der 9. Klassen werden in die zeitgenössische Kammermusik eingeführt

Das Gesprächskonzert über Steve Reichs „Different Trains“ war ein Highlight, sowohl was das exzellente Können der Künstler als auch die pädagogischen Talente der vier MusikerInnen Daniela Jung und Marije Grevink an den Violinen, Christiane Hörr-Kalmer an der Viola und Jan Mischlich-Andresen am Violoncello betrifft.

Zum zweiten Mal gelang es Musiklehrerin Martina Raab, das kostenlose Angebot des BRSO für eine besondere Musikstunde an Land zu ziehen. Schon am Vortag hatten zwei Tontechniker des BR das Equipment aufgebaut, um das Stück „Different Trains“ aus dem Jahr 1988 von Steve Reich, einem der bedeutendsten amerikanischen Komponisten, aufführen zu können.

Die Techniker, die die Partitur mitlesen mussten und Einsätze gaben, die also das Tonband „spielten“, und die laut dem Komponisten ein „ausgezeichnetes Ohr“ besitzen müssen, begleiteten die zweimal hintereinander stattfindenden interaktiven Musikstunden.

Das dreisätzige Werk beschreibt auch Steve Reichs Lebenserfahrungen, „America - before the war“ - das waren die tagelangen Zugfahrten zu den Eltern. Der Satz „Europe – during the war“ unterlegt als Textschnipsel Aussagen von Überlebenden des Holocaust und „After the war“ gibt einen Ausblick in die Zukunft. Eine Hauptrolle spielen die Aufnahmen auf dem Tonband, die die Techniker einspielen und zusammen mit den verstärkten Instrumenten aussteuern. Sie müssen die Lautstärke der elektronischen Verstärkung und das Originalmaterial mit dem Spiel der Musiker abstimmen. Somit ist das Werk mit den authentischen Text-, Geräusch- und Tonschnipseln auch als ein Stück Zeitgeschichte zu verstehen. Als Vertreter der Minimalmusik greift der Komponist auf verschiedene Inspirationsquellen zurück.

Freundlich begrüßten die gut gelaunten Musiker die Schüler der drei 9. Klassen mit höfischer Musik von Henry Purcell. Sofort kehrte Ruhe ein und als sich die Musiker mit ihren Vornamen vorstellten, befanden sie sich sogleich auf Augenhöhe mit ihren jungen Zuhörern. Umso kontrastreicher war dann der 1. Satz von „Different Trains“. In Reichs Quartett besteht die Herausforderung für die Musiker darin, mit den Originaleinspielungen des Kronos-Quartettes auf Tonband aus den 80er Jahren mit weiteren Loops, also elektronischen Geräuschen und Textschnipseln, als Installation mit den jeweils richtigen Tempi einzuspielen. Gebannt und äußerst aufmerksam hörten die Schüler den Erläuterungen und unterschiedlichen Hörbeispielen zu.

Eine große Herausforderung für Martina Raab und ihre drei 9. war es ebenfalls, das anspruchsvolle, moderne Werk im Unterricht vorzubereiten.

Die Musiker des BRSO legen großen Wert auf die aktive Mitwirkung der Zuhörer. Im Unterricht wurden spannende Beiträge erarbeitet. Eine Gruppe nahm sich Textbausteine aus dem 2. Satz vor, die aus Bruchstücken der Interviews von Holocaust-Überlebenden bestehen, und bestritt mit ihnen eine Bodypercussion, in der jedes Element in einem anderen Rhythmus gestaltet wurde.

Spontan nahmen die Musiker die Anregung auf und ließen alle Anwesenden diese Sequenzen mitsprechen und mitklopfen, was eine verblüffende Wirkung erzeugte.

Eine andere Gruppe entwickelte, ausgehend vom 3. Satz, die Bedrängnisse in der Zukunft. So bearbeiteten sie das Thema „Klimawandel“ und erstellten eine Collage dazu.

Im anschließenden Gespräch stellten die Schüler viele Fragen und die Musiker gaben freimütig Antworten auch zu ihrem musikalischen Werdegang als Instrumentalisten bis zum BR Spitzenorchester.

Dabei zeigten die Musiker großes pädagogisches Gespür und ihre eigene große Liebe zur Musik wurde deutlich. Mit ihrer nahbaren und kommunikativen Art hielten sie eine lockere Gesprächsatmosphäre aufrecht. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet in Schulen musizierten, gab die Bratschistin Christiane Hörr-Kalmer den Schülern mit auf den Weg, dass Musik ein Kraftort sein kann und Daniela Jung beschrieb das Wesen der Musik als Ausdrucksform, die über Sprache hinausgeht.

Diese vier Weltklassemusiker machten auf ihrer Tour durch fünf Schulen Bayerns zeitgenössische Musik zu einem unmittelbaren und berührenden Erlebnis.

Vielleicht besucht der eine oder andere Schüler in Zukunft in Erinnerung an diese herausragende Musikstunde ein klassisches Konzert und hat keine Schwellenangst mehr vor zeitgenössischer Musik.





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