Hilpoltstein – Mehr als 1000 Interessierte füllten die Dreifachturnhalle, als Prof. Dr. Ferdinand Stebner von der Universität Osnabrück zum Thema „Selbstreguliertes Lernen als Schlüssel?– Bildung gemeinsam denken von der Kita bis zur Karriere“ referierte. Die Veranstaltung wurde von Donatella Migliore und Stefan Bindner von der Staatlichen Realschule Hilpoltstein organisiert. Unter den Gästen befanden sich neben zahlreichen Lehrkräften und Kita-Vertretern die Regierungspräsidentin von Mittelfranken, Dr. Kerstin Engelhard-Blum.
Ferdinand Stebner, Professor für Erziehungswissenschaften, präsentierte seine Thesen mit einem lockeren Vortragsstil und verknüpfte wissenschaftliche Befunde mit praktischen Beobachtungen. Er räumte gleich zu Beginn mit einem verbreiteten Irrtum auf: Selbstreguliertes Lernen sei keine Unterrichtsmethode, also Oberflächenstruktur, wie offenes Lernen, Churer-Modell Wochenplanarbeit oder Projektunterricht. Vielmehr handele es sich um die erlernbare Kompetenz des Lernens, die sich gezielt aufbauen lasse. Im Zentrum stehe die Fähigkeit von Lernenden, ihren eigenen Lernprozess bewusst zu gestalten: klare Ziele zu formulieren, geeignete Strategien auszuwählen, das eigene Vorgehen kontinuierlich zu beobachten und die Ergebnisse zu reflektieren. Dies ist die Tiefenstruktur des Lernens. Äußere Gestaltung des Klassenraums – so Stebner – spiele eine geringere Rolle als die inneren Prozesse: „Es kommt darauf an, was im Kopf passiert.“
Zur Veranschaulichung zog der Referent den Vergleich mit dem Erwerb des Führerscheins: Kein Fahrschüler bekomme zu Beginn einfach nur den Schlüssel in die Hand mit: „So, jetzt viel Spaß!“. Zunächst gebe es theoretische Grundlagen, dann begleitete Praxisphasen mit Anleitung, bevor Schritt für Schritt mehr Eigenverantwortung übertragen werde. Dieses Stufenmodell müsse auch für schulische Lernprozesse gelten: Die Förderung von Selbststeuerung müsse dauerhaft in den Unterricht eingebettet werden und dürfe nicht auf punktuelle Methodentage wie Lernen Lernen reduziert werden. Solche einmaligen Aktionen brächten kaum nachhaltige Effekte; stattdessen müsse Selbstregulation Teil der Schulkultur werden.
Als Beleg für die Wirksamkeit nannte Ferdinand Stebner eigene und internationale Studien. Besonders hob er eine australische Untersuchung hervor, in der Erstklässler ein einfaches Vier Schritt Programm durchliefen: Ziele visualisieren, Hindernisse benennen, Gegenstrategien entwickeln und Erfolge feiern. Die unmittelbaren Effekte zeigten sich erst später: Monate nach dem Training verbesserten sich Lesekompetenz und Impulskontrolle; drei Jahre später war die Wahrscheinlichkeit, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen, deutlich erhöht.
Im Verlauf des Abends thematisierte Stebner auch die gesellschaftliche Relevanz von Selbstregulation. Er verwies auf die renommierte Dunedin-Studie aus Neuseeland, die Menschen vom frühen Kindesalter bis ins mittlere Erwachsenenalter begleitete. Demnach korrelieren frühe Fähigkeiten zur Selbstkontrolle mit positiven Langzeitergebnissen: bessere gesundheitliche Verläufe, weniger kriminelle Einträge, höhere Erwerbschancen und eine größere Lebenszufriedenheit. Diese Daten untermauerten Stebners These, dass Selbstregulation nicht als nebensächliches Unterrichtsprojekt, sondern als zentrale Lebenskompetenz verstanden werden müsse.
Konkrete Empfehlungen des Referenten zielten auf einen frühzeitigen und kontinuierlichen Aufbau dieser Kompetenz: Pädagoginnen und Pädagogen sollten Selbstregulation in jeder Unterrichtssituation berücksichtigen und gezielte Trainings mit Alltagsbezug anbieten. Zusammen mit dem Schulamt Roth Schwabach ist nun ein Arbeitskreis geplant, in dem sich Kitas, Grundschulen und alle daran anschließenden Schulen gemeinsam überlegen, wie Selbstregulation systematisch verankert und über die Schnittstellen hinweg, positiv auf die Bildungsbiografien wirken kann.
Stefan Bindner, RSD, Staatliche Realschule Hilpoltstein
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