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Bayerisches Realschulstreichorchester

Bayerisches Realschulstreichorchester 2018 / 2019

1. Reihe MB Michael Schmidt; Herbert Püls, Amtschef, Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt, Präsident Bundesverband Musikunterricht (BMU) e. V.; MB Johannes Koller; RSKin Evelyn Beißel; Ingrid Ritt, Vorsitzende Bundesinitiative Differenziertes Schulwesen, 2. Reihe von links nach rechts, Prof. Guido J. Rumstadt; RSD Marcus Langguth (stell. Landesvorsitzender vbr), StDin Birgit Huber, Referat Kulturelle Bildung StMUK

Aus allen Regionen Bayerns sind 32 Realschülerinnen und Realschüler in Nürnberg zusammengekommen, um gemeinsam im Bayerischen Realschulstreichorchester zu musizieren. Im Schuljahr 2018/19 war es zum zweiten Mal möglich, Teil dieses neuen Klangkörpers zu sein. Nach der erfolgreichen Bewerbung und Auswahl stand die selbstständige Erarbeitung des Konzertrepertoires mit Hilfe der eigenen Instrumental- und Musiklehrkräfte an. Für ein erstes Kennenlernen und Festlegen der genauen Stimmeinteilung traf man sich bereits am 2. Oktober 2018 in der Musikhochschule Nürnberg für einen Probennachmittag. Dort begegneten sich die Realschülerinnen und Realschüler zum ersten Mal. Schnell war der Kontakt freundschaftlich und erste kleine Gruppen für Kammermusik formierten sich sofort. Danach galt es, fleißig das Besprochene eigenverantwortlich zu erarbeiten, um die intensive Probenphase im darauffolgenden Januar mit Abschlusskonzert bestehen zu können. Intensive Probenphase bedeutet in diesem Fall täglich, jeweils mehrere Stunden individuell, in Kammermusikbesetzung und in Stimmproben unter der Anleitung von Coaches des Staatstheaters Nürnberg oder in Tuttiproben mit dem musikalischen Leiter, Prof. Guido J. Rumstadt, zu arbeiten. So werden die jungen Musikerinnen und Musiker von Profimusikern künstlerisch gefördert und gefordert und dabei musikpädagogisch betreut von Musiklehrkräften, die den Prozess umfassend begleitet haben. Für Silvia Melzner von der Staatlichen Realschule Naila und Gunther Brennich vom Camerloher Gymnasium Freising, beide Mitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft Schulorchester, sowie Evelyn Beißel, galt es, an der Sitzposition der Schülerinnen und Schüler, sowie an den Eintragungen in den Noten kleine Verbesserungen vorzunehmen.  In den kurzen Probenpausen stand das kleine Team als Ansprechpartner für die Schülerinnen und Schüler, die Coaches und den Leiter zur Verfügung und sie sorgten natürlich ebenso dafür, dass alle bestens versorgt waren: Mit Bleistiften, Getränken, Obst und manchmal auch einem Müsliriegel, der neue Energie spendet. An den Arbeitstagen, also Mittwoch, Donnerstag und Freitag gab es jeweils eine Spielpause, die mit einer kleinen Aktivität außer Haus den musikalischen Blick etwas erweiterte: eine Führung durch die Instrumentenabteilung des Germanischen Nationalmuseums durch den Leiter, Herrn Dr. Bär, individuell angepasst an die Interessen der jungen Streicherinnen und Streicher. Mit großem Interesse durften die jungen Musikerinnen und Musiker ihren Profis am Donnerstag bei deren Arbeit zusehen, als sie zum Besuch der Generalprobe von "Ball im Savoy" ins Staatstheater Nürnberg eingeladen wurden. Auch hier ging ein musikalischer Tag, der von 9:00 -22:00 Uhr straff mit Musik gefüllt war, zu Ende. Besonders groß war die Motivation der jungen Künstlerinnen und Künstler dann am letzten Tag, so dass sie teilweise förmlich von ihren Instrumenten getrennt werden mussten. Ein kurzer Abstecher zur Bowling Bahn sollte ein wenig Ausgleich zur ständigen Konzentration sowie Entspannung und Auflockerung für die anstrengende Arbeitshaltung bringen. Die anschließenden Proben absolvierten die Schülerinnen und Schüler hochmotiviert. Keiner wollte aufhören, immer sollte noch ein wenig an der Perfektion gefeilt werden, obwohl alle mehr als müde waren. Doch schließlich wollte man mit dem Konzert am Folgetag das Publikum überzeugen und begeistern.

Das Konzertprogramm teilte sich in drei große Stücke unterschiedlichen Charakters, Klaus Badelts "Pirates of the Carribean" sowie von Jean Paul Egide Martini die Sinfonia g-Moll und die Jig aus Gustav Holsts St. Pauls Suite, die von allen gemeinsam gespielt wurden. Dazwischen gab es sechs kleinere Stücke in unterschiedlichen Kammermusikbesetzungen: Joseph Haydns Kaiserquartett, Johann Pachelbels berühmten Kanon, ein Satz aus Mozarts Serenade Nr. 4, ein Violinen-Duo und zwei Cello-Trios. Gerade bei den Celli zeigte sich das regionenübergreifende, bayerische Zusammenspiel auf besondere Weise, die drei Musikerinnen kamen aus Lohr am Main, Lindberg im Allgäu und Naila.

Diese bayernweite Begegnung, das unkomplizierte Zusammenarbeiten und das klangliche Zusammenwachsen ist einer der wesentlichen musikpädagogischen Aspekte dieses Projekts, das natürlich neben den Realschülerinnen und Realschülern auch die Coaches einbezieht. Seit an Seit mit einem Profi zu musizieren, mit dem zuvor mehrere Tage gearbeitet wurde, ist nicht nur klanglich ein ganz besonderes Erlebnis. Diese Arbeitsphase mit Abschlusskonzert wirkt wie ein Treibhaus musikalisch Gleichgesinnter. Dies bestätigten bereits im letzten Jahr zahlreiche Zuschriften von Eltern und Lehrkräften, die von einem enormen Motivationsschub und einem Zuwachs der individuellen Fähigkeiten bezeugen, wie er in mehreren Jahren des "einsamen" Arbeitens kaum zu erreichen gewesen wäre.

Ziel des Projekts ist es, junge, interessierte und motivierte Streicherinnen und Streicher an bayerischen Realschulen zu entdecken und sie nach besten Kräften mit ihrer Begabung zu fördern., Es soll hier die Möglichkeit geschaffen werden, diese Instrumente, die erst in größerer Besetzung ihren vollen Klang entfalten, erleben zu können.

Dieses Klangerlebnis, die Entstehung, Bedeutung und Wirkung von Resonanz im Bildungskontext, thematisierte Prof. Jürgen Oberschmidt, Präsident des Bundesverbands Musikunterricht (BMU) e. V. Wie wichtig gegenseitiges Hören, aufeinander einstimmen, das im Einklang stehen und die Rücksichtnahme auf "Zartbesaitete" ist, führte er an verschiedenen Beispielen in seinem Grußwort aus und betonte als Projektpartner die Wichtigkeit solch intensiver musikalischer Erfahrungen, auch übertragen auf die Problematiken der heutigen Bildungslandschaft.

„Momente der Resonanz sind zentral für ein künstlerisches Denken. Resonanz entsteht, wenn man sich den Rätseln und Geheimnissen eines Kunstwerks annähert. Kunstwerke besitzen nicht die Eindeutigkeiten von Gleichungen, Musiker und Hörer haben heute erfahren, was es heißt von der Kunst berührt zu werden, sich hörend und hörend als selbstwirksam zu erfahren. Was wir hier an diesem Wochenende erleben, kann auch mit dazu beitragen, Schule zu einem besseren Ort des Lernens zu machen.“ Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt, Präsident des Bundesverbands Musikunterricht (BMU) e. V.

Bereits nach dem ersten Stück brachte Ministerialdirektor Herbert Püls, Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus seine Begeisterung von dem Klangergebnis und -erlebnis des Bayerischen Realschulstreichorchesters zum Ausdruck: „Wenn ich an meine eigenen Versuche auf dem Streichinstrument denke, so habe ich größte Achtung vor diesen jungen Leuten, die in so kurzer Zeit so viel vollbringen“. Er dankte allen, die bei der Entstehung des Projekts und am Gelingen des Konzerts beteiligt waren, Evelyn Beißel für den unermüdlichen und intensiven, persönlichen und fachlichen Einsatz, Ingrid Ritt als überzeugende Motivatorin sowie  den Verantwortlichen aus dem Staatsministerium für die erfolgreiche Gründung des Bayerischen Realschulstreichorchesters. Der Amtschef überreichte jeder Schülerin und jedem Schüler eine von ihm persönlich signierte Teilnehmer-Urkunde, die die höchstmögliche Auszeichnung für Schülerinnen und Schüler in Bayern darstellt, wie er erklärte. An den bayerischen Realschulen gibt es ein durch dieses Orchester zusätzlich ergänztes breites musikalisches Angebot für Schülerinnen und Schüler und engagierte Musikpädagogen, die sich gerne auch schwierigen künstlerischen Themen mit ihren Schülerinnen und Schülern widmen. Auf der Basis der Lebenswirklichkeit lernen die jungen Menschen, sich mit anspruchsvollen Werken auseinanderzusetzen: Man nähert sich kognitiv an, versteht es beim eigenen Tun und durchdringt es beim persönlichen Erleben.

Am Ende des Konzerts gab es minutenlangen tosenden Applaus für die jungen Künstlerinnen und Künstler, die ein abwechslungsreiches und niveauvolles Konzertprogramm höchst engagiert präsentiert haben. Die jungen Musikerinnen und Musiker traten ihre Heimreise an mit der Frage im Gepäck: Wann dürfen wir wieder miteinander musizieren? Heißt es wieder ein Jahr warten oder gibt es vielleicht bald eine neue Möglichkeit zusammen zu kommen, um gemeinsam zu musizieren? Ein wenig wehmütig verabschiedeten sich die Realschülerinnen und Realschüler aus den 10. Klassen, die im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein können, schränkten aber sofort ein, dass sie nicht mehr an den Pulten dabei sein würden, sicher aber im Publikum. 

Nach dem Konzert ist immer wieder auch vor dem Konzert. Aktuell läuft bereits die erneute Talentsuche an bayerischen Realschulen, es gilt immer wieder neue „Rohdiamanten“ zu entdecken und die Instrumental- und Musiklehrkräfte beim „Schliff“ zu unterstützen. Schließlich soll an bayerischen Realschulen jedes Kind bestmöglich gefördert werden, was auf musikalischer Ebene für junge Streicherinnen und Streicher auf diese Weise äußerst qualitätsvoll geschieht.





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