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Staatliche Fronhofer-Realschule-Ingolstadt gedenkt der Opfer des Holocaust

Hass! Ofen! Leid! Ohnmacht! Chaos! Ausrottung! Unrecht! Schmerz! Tod! In der abgedunkelten Aula der Ludwig-Fronhofer-Realschule standen diese aussagekräftigen und zugleich bedrohlichen Begriffe auf der Leinwand, während komplett schwarz gekleidete Schüler aus deren Anfangsbuchstaben das Wort „Holocaust“ bildeten. Dieses eindrucksvolle Bild entstand zu Beginn der Gedenkfeier für die Opfer des Holocaust, welche am Montag, den 28.01.2019 an der Ingolstädter Realschule stattfand, nachdem die anfangs zu sehende idyllische Blumenwiese jäh durchbrochen wurde.

Bereits seit 1998 gestaltet eine der weiterführenden Schulen der Stadt diese Gedenkfeier, wobei sich das Organisationsteam einiges einfallen ließ. Bereits die Anordnung der Stühle im Publikum in drei Blöcke veranschaulichte das gut durchdachte Konzept der Veranstaltung, das unter dem Motto „Zeitenwechsel – Perspektivenwechsel – Positionen“ stand. Zu Beginn erhoben sich mehrere Schüler, während auf der Leinwand pfeifend eine Dampflok fuhr, und begaben sich zur Bühne. Die dadurch im Publikum entstandenen Lücken symbolisierten die in der NS-Zeit entstandenen Lücken in der Gesellschaft.

Nach dem tragenden Musikstück „Prayer“ des jüdischen Musikers Ernest Bloch begrüßte Realschuldirektorin Silvia Retzer die anwesenden Gäste. In ihrer Rede wies sie nicht nur auf die Vergangenheit hin, sondern auch darauf, dass auch heute fast 90 Prozent der jüdischen EU-Bürger bereits Erfahrung mit antisemitischen Kommentaren gemacht haben. Das Ziel der Veranstaltung sei demnach nicht nur das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch ein Zeichen gegen Rassismus und die aktuellen bedenklichen Entwicklungen zu setzen.

In einem Filmbeitrag erzählte der Sinto Peter Höllenreiner eindrucksvoll und berührend von seinen Erinnerungen an die NS-Zeit. Der Münchner, dessen Familie seit dem 15. Jahrhundert in Bayern lebt, wurde als kleiner Junge mit seiner Familie zunächst ins KZ Auschwitz gebracht. Insbesondere der drei Tage dauernde Transport in einem Güterwaggon hat sich bis heute in sein Gedächtnis eingebrannt. Bis heute verfolgt ihn das Rattern der Zugräder auf den Gleisen in seinem Kopf und verursacht noch immer Angstzustände.

Dr. Ludwig Spaenle, Beauftragter der Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, ging in seiner Rede auf die „Spitze der Perversion“ des nationalsozialistischen Systems und den „größten Zivilisationsbruch der Menschheitsgeschichte“ ein. Der ehemalige Kultusminister thematisierte aber auch die aktuellen Entwicklungen in Deutschland, wie beispielsweise die Verharmlosung der NS-Zeit durch den AfD-Politiker Alexander Gauland. Er appellierte an die Zuhörer, die Taten der Nationalsozialisten nicht zu vergessen oder zu verharmlosen und sich stets an das „Nie wieder“ zu erinnern.

Gabriel Engert, Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, verwies nach dem jüdischen Lied „Hine ma tov uma naim“ darauf, dass die 1,5 Millionen Toten von Auschwitz nicht nur als Symbol für das Leid der NS-Zeit gelten, sondern auch als Erinnerung an die „Fähigkeit zum Bösen und zum Machtmissbrauch“ dienen müssen. Gerade auch im Hinblick auf die wieder aufkommenden rassistischen Tendenzen in unserer heutigen Gesellschaft könne man dies gar nicht oft genug betonen.

Die Schüler, die anfangs mit den Buchstaben das Wort „Holocaust“ gebildet hatten, drehten ihre Schilder, so dass das Wort „Gedenktag“ entstand. Auch hier stand jeder Buchstabe für ein damit verbundenes Wort wie beispielsweise „Erinnerung“, „Demut“ oder „Trauer“. Als Symbol für das Gedenken an die Opfer wurde ein großer Davidstern in die Mitte der Aula gelegt, um den farbige Winkel, die für die anderen von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen stehen, gelegt und Kerzen entzündet wurden.

Als Symbol für eine bunte und vielfältige Gesellschaft zogen die Schüler ihre schwarzen Oberteile aus und füllten mit ihren nun farbenfrohen T-Shirts die zu Beginn der Veranstaltung entstandenen Lücken.

Dass der Antisemitismus auch heute ein allgegenwärtiges Problem ist, wurde anhand von vorgetragenen Fakten deutlich. So werden beispielsweise noch immer Lügen über die jüdische Bevölkerung verbreitet oder in Synagogen Hakenkreuze in Bänke geritzt. Wie man diesen Tendenzen entgegnen kann, zeigten einzelne Schüler auf. Abschließend hielt die Projektgruppe „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Die Schüler setzten sich für ein friedliches Miteinander, Toleranz und Respekt ein und schlossen mit den Worten „Ihr seid Menschen!“.

Am Ende war auch die zu Beginn ergraute Blumenwiese wieder bunt und idyllisch, nachdem im Laufe der Veranstaltung immer mehr Mohnblumen, die bewusst als Symbol gewählt wurden, erblüht sind. Die Zuschauer der knapp einstündigen Gedenkfeier wurden somit in eine positive Zukunft entlassen, in der Hoffnung, dass sich solche Gräueltaten nicht wiederholen werden.





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